Jakob, ein junger Krankenpfleger erlebt einen Arbeitstag, der seinen Entschluss im Krankenhaus zu arbeiten und den Glauben an seine Befähigung für diesen Beruf auf eine harte Probe stellt. Ohnehin völlig unterbesetzt, arbeiten er und seine Kolleginnen bereits an der Belastungsgrenze um allen Patientinnen eine angemessene Versorgung zu bieten, als ein neuer Patient auf Station gebracht wird, dessen Krankheitssymptome alle Erfahrungswerte sprengen und Jakob sich erneut herausgefordert sieht, mehr zu leisten, als er im Stande ist.
Mein Tag beginnt früh. In eineinhalb Stunden, muss ich für die Übergabe in der Stationsküche sein. Frühdienst habe ich meistens drei- bis viermal hintereinander. Häufig tauschen wir die Dienste aber auch. Gerade die Kollegen mit Kindern, müssen oft umdisponieren. Da springen wir dann füreinander ein. Ich habe keine Kinder. Dafür bräuchte es eine Frau in meinem Leben. Ich kann also immer arbeiten. Frühdienst gefällt mir eigentlich besser: man ist um 14:00 raus und hat noch was vom Tag. Nur das Aufstehen ist oft hart. Besonders im Winter. Jetzt ist es Winter und ich traue mich kaum, meine Füße unter der Bettdecke hervorzuziehen. Mein Zimmer hat zwar einen Teppichboden, aber der ist alt und durchgelaufen. Die wenigen Borsten halten kaum die Kälte vom Beton darunter ab. Außerdem ist es immer etwas klamm in meiner kleinen Wohnung. Ich wohne im Wohnheim. Vor etwas mehr als einem Jahr, habe ich den neuen Arbeitsvertrag unterschrieben und auch sofort auf Station angefangen. Das ging alles so schnell, dass ich keine Zeit für die Wohnungssuche hatte. Also bin ich ins Wohnheim gegangen. Vorübergehend, hatte ich damals angenommen. Jetzt denke ich, dass ich gerne mit jemandem wohnen würde, dem ich etwas bedeute. Also ziehe ich auch erst dann aus, wenn ich jemandem etwas bedeute. Ich arbeite elf Tage am Stück und habe dann drei Tage frei. Nicht viel freie Zeit. Aber ich nutze sie, so gut ich kann. Im nächsten Frei habe ich eine Verabredung fürs Theater. Eine Weile bleibe ich noch unter der Decke liegen und zähle nach, wie viele Dienste ich bis dahin noch vor mir habe. Es sind fünf. Heute ist Samstag. Meine Zehen krallen sich in den Teppich, während ich mich strecke. Im Bad muffelt es. Eher eine Nasszelle und leider ohne Fenster.
Mit einer Tasse Kaffee stehe ich in meinem alten Bademantel auf dem Balkon und rauche meine erste Zigarette. Mein Körper dampft nach der Dusche in der Kälte. Ich will schon lange aufhören, aber das Krankenhaus ist der letzte Ort, um vom Tabak wegzukommen. Alle rauchen. Wirklich alle. Es sind die kurzen Momente am Aschenbecher, die einem eine kleine Flucht erlauben. Man kann sich die Arbeitsschritte von Zigarette zu Zigarette einteilen. Das hilft ungemein. Manche Patienten beschweren sich schon mal, wenn man ans Bett kommt und aus dem Hals stinkt, wie nichts Gutes. Aber damit müssen sie klarkommen. Bei uns sind sie ansonsten wunderbar aufgehoben. Es ist mein erster Arbeitsvertrag nach der Ausbildung und ich hätte es nicht besser erwischen können. Ich lerne jeden Tag dazu und die gesamte Belegschaft gibt mir das Gefühl, dass sie mich dabeihaben wollen. Ich kann jeden fragen, wenn ich nicht mehr weiterweiß. Die Ärzte sind größtenteils Idioten, besonders die beiden jungenStationsärzte: bei ihnen hat man immer den Eindruck, es geht ihnen mehr um ein Lob des Chefarztes, als um die Genesung der Patienten. Aber gut, die meiste Ahnung haben ohnehin die Pflegekräfte. Vor allem die Älteren. Heute ist Samstag. Heute werden die Familien der Patienten zu Besuch kommen. Vorausgesetzt sie haben Familien und verstehen sich mit ihnen. Die Zigarette zieht mir bis in den Bauch.
Vor ein paar Monaten habe ich mir angewöhnt, zu Fuß zum Krankenhaus zu gehen. Das gibt mir die Möglichkeit, noch in Ruhe wach zu werden und außerdem bin ich nicht sofort mit Körpergerüchen konfrontiert, wie wenn ich mich in den Bus quetschen würde. Schweiß, Urin, Mundgeruch, Füße- das alles werde ich noch den ganzen Tag in der Nase haben.
Es fisselt ein bisschen Graupel, Schnee und Regen, als ich aus dem Bäcker komme. Das Croissant ist noch warm in meinem Mund. Ich laufe schnell. Dabei werde ich endgültig wach.
In der Umkleide treffe ich Sandro. Wir sagen nur Hallo und ziehen uns dann vor den Spinden um. Nebeneinander gehen wir die Treppe hoch und gleich hinter dem Empfang wieder nach draußen ins Rauchereck. In unseren weißen Kitteln stehen wir in der Dunkelheit und pressen uns in den Winkel neben der Tür.
„Heute wird Amok.“ Sandro schüttelt seine Locken aus der Stirn. Er ist groß und dick und scheint die Kälte überhaupt nicht zu spüren.
„Was meinst Du?“ Frage ich und presse meinen Mund gleich wieder zu, damit meine Zähne nicht klappern.
„Naja,“ Sandro verschränkt die Arme vor der Brust, „ich habe Ralf getroffen. Er sah schon wieder aus wie sein eigener Sargnagel. Andrea kommt nicht. Ihre Kinder haben die Kotzerei und Jürgen kommt auch nicht- wer weiß warum.“
„Dann sind wir…,“ ich zähle schnell durch, „zu fünft!“
„Zu viert. Ralf muss hoch zu einer Sitzung.“
„Och nö!“
„Jap. Und das mit dem ganzen Besuch heute: mein Mann möchte…, könnten wir noch Tee…, dürfte ich mal…, könnten Sie nicht…“ Sandro schnippt den Stummel in Richtung Aschenbecher. Er verfehlt meilenweit.
„Gehn wirs an.“
In der Küche unserer Station sitzen die anderen schon. Ralf, der Pflegeleiter, Martin, der aus dem Nachtdienst kommt, Tanja und Maria, die sich beide in ihren Kaffeetassen versenken. Als wir alle sitzen, legt Martin los. Er ist müde und will schnell weg. Entsprechend knapp kommen die Informationen zu den Geschehnissen der vorangegangenen Nacht. „War einiges los. Herr D. aus der fünf hat gezappelt. Der ist jetzt im Monitoring. Da haben alle drauf gewartet, dass endlich ein Anfall kommt. Ich glaube, er selbst am meisten. Das Bett ist gleich wieder belegt mit einem Herrn K. Der kommt aus einem Seniorenheim mit Verdacht auf Schlaganfall zu uns. Die Akte kommt hinterher. Da sind um 10:00 die Untersuchungen. Vorher wollte aber die neue Ärztin, Antonia irgendwas, nochmal vorbeikommen. Da solltet ihr gleich noch zu ihm: ich hatte keine Zeit, aber ich glaube, die haben ihn im Heim nicht gut gelagert. Müsst mal schauen, ob es eine offene Stelle gibt. Ansonsten: Frau M. ist hoch auf intensiv. Da sind heute Nacht die Krämpfe zu heftig geworden. Das Bett ist also auch frei und das Zimmer, das ist die vier, damit leer. Da müssten frische Betten rein. Dann kam ein junger Patient rein. Jahrgang 1994. Da sind die Untersuchungen am Nachmittag. Er liegt in der zwei. Ich habe Herr S. zu ihm geschoben. Die Zwei ist jetzt also ein Männerzimmer. Das wars. Die Routine lief problemlos. Frau S. musste ein paar Mal raus und wollte um vier dann einen Kakao, aber eigentlich waren alle brav in ihren Betten.“
Mit den Informationen aus dem Nachtdienst verteilen wir die Aufgaben für die Morgenroutine vor dem Frühstück. Sandro wird Medikamente machen und Temperatur, Blutdruck und den Zuckerspiegel messen. Maria wird schon mit dem Waschen bei den Patienten anfangen, die volle Unterstützung benötigen. Tanja wird neue Betten hochbringen und dann ebenfalls mit dem Waschen anfangen. Ich werde mit Ralf nach dem neuen Patienten schauen und dann ebenfalls Patienten im Bad helfen, während Ralf zu seiner Sitzung muss. Die Termine für die Untersuchungen soll Sandro im Auge behalten und jeden rechtzeitig fertig machen und hochbringen. Wir schütten alle nochmal Kaffee nach und werfen uns dann in die Arbeit.
Ralf zieht mich in das Zimmer, in dem Herr K. liegt. Der Mann ist völlig abwesend. Über ein Venenkatheder im Handrücken und einer Magensonde, wird er mit Flüssigkeit und Nahrung versorgt. Wir ziehen uns Latexhandschuhe über, desinfizieren sie ausgiebig und stellen uns dann von beiden Seiten ans Bett. Ich hänge den Urinbeutel vom Bettrahmen ab, führe ihn am Schlauch zwischen den Gitterstäben zurück und lege ihn ans Fußende des Bettes. Als Ralf die Decke anhebt, erschlägt mich der süße Geruch einer offenen Wunde. Wir müssen nicht suchen: auf der rechten Seite, kurz unterhalb des Oberschenkelgelenks klafft ein Krater, groß wie ein Zwei Euro Stück.
Ralf zieht die Augenbrauen zusammen. Sein ohnehin scharf geschnittenes Gesicht wirkt über dem silbrigen Vollbart noch strenger. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich verstanden habe, dass man sich vor ihm nicht fürchten muss. Mein Respekt ist dennoch riesig. Schon deshalb, weil er nie die Ruhe verliert. Selbst in den kniffligsten Situationen nicht. Seine Bewegungen sind immer exakt und bestimmt. So auch jetzt. Wir fassen den eingefallenen Körper an Schultern und Hüfte und drehen ihn zu mir, auf seine linke Seite. Ich halte ihn in dieser Position, während Ralf die Wunde säubert. Mit einem Plastiklöffel schabt er das entzündete Gewebe heraus. Wie Himbeergelee tropft es vom Löffel auf das weiße Papiertuch. „Jakob?“ Ralf schaut kurz zu mir hoch, während er das Gitter Pflaster vorbereitet. „Wie geht es dir?“
„Was meinst Du?“
„Letzte Woche, da haben wir den Leichnam von Herrn Sch. gewaschen. Du warst dabei, als er gestorben ist. Wir hatten alle eine recht emotionale Bindung zu ihm- aber du doch besonders, oder?“ Herr Sch. war häufig auf Station gewesen. Er hatte Parkinson gehabt und war dann überraschend gestorben.
„Manchmal habe ich Backgammon mit ihm gespielt.“
„Lass dich nicht zu sehr davon anfassen, ja? Das wird dir noch häufiger passieren. Und Jakob: ich finde es toll, wie Du dich machst.“ „Danke.“
Ralf lächelt einmal breit und konzentriert sich dann wieder auf die Wunde. Zehn Minuten später sind wir fertig.
„Lagerst Du ihn in zwei Stunden wieder um?“
„Mache ich.“
Ralf rennt fast den Flur entlang, um noch rechtzeitig zur Sitzung mit der Krankenhausleitung zu kommen. Ich würde wahnsinnig gerne eine rauchen. Der Geruch der Wunde brennt mir auf der Zunge. Aber Maria winkt schon und klopft mit großer Geste auf ihre Armbanduhr. Ich winke ihr den Gang runter zu und spaziere dann sehr langsam zu Zimmer Zwei. Maria ballt und droht mir mit ihren Fäusten und verschwindet dann auch in einem Patientenzimmer.